Brief 1996 – Das kann doch wohl nicht wahr sein

Michael T. – Sado-Maso-Versand- Alles für den anspruchsvollen Devoten
Knüppelgasse 5
12345 Bad Salz Nagelbrettfurth
6969/696969

Maik „Ihm gehört mal ordentlich der Arsch versohlt“ F.
Ist-doch-scheißegal-Straße 20, 52511 Geilenkirchen

18. Januar 1996

Nahezu nicht wieder gutzumachendes Ignorieren allgemeingeltender Sitten und Gebräuche

Sehr wenig geehrte(r) Made Im Speck,

So nicht! So nicht! Wie Ihnen aufgefallen sein wird, verzichte ich hier auf die allseits beliebten Höflichkeitsfloskeln, aus dem einfachen Grunde, dass ich mich in meiner blinden Wut und Raserei, welche sich durch Ihr äußerst schlampiges und ignorantes Verhalten begründet, nicht genötigt sehe, Ihnen Höflichkeit in irgendeiner Form zukommen zu lassen, und sei es auch nur die Höflichkeit, mit der ein besoffener Penner einen zweiten weitaus besoffeneren Penner anrülpst, um ihm freundlicherweise die vielen Worte zu ersparen, die er auf seine Frage „Na, Otze – Wat gaps denn heute bei dia zu Mittach?“ von Menschen eines dem Knigge mehr vertrauten Umfeldes zu hören bekäme. Sie können froh ein, dass ich mich überhaupt noch dazu hinablasse, auf dem schriftlichen Wege mit Ihnen zu verkehren und darauf verzichtet habe, diesem Brief Metzgereiabfälle, Artikel aus meinem Sortiment oder gar ein Nacktfoto von Inge Meysel hinzugefügt habe, um Ihre Brechorgane bis auf das Ärgste zu reizen, was zu Beachten mir sicherlich eine Freude infantilerdings garantiert hätte. Nun, der Brief ist noch nicht im Umschlag – wer weiß, ob ich mich in den Ausmaßen meines Empörtseins, welches sich von Wort zu Wort zu Wort zu Wort zu Wort zu WORT steigert, was ich Ihrem Spatzenhirn mit den Mitteln der modernen Printmedien zu veranschaulichen suche, nicht doch noch zu solch abscheulichen, unzivilisierten, archaischen, animalischen und darüber hinaus sogar übelriechenden Maßnahmen zu greifen.

hässliche TopfpflanzeNanu, was macht denn diese scheußliche Topfblume hier? Egal, nehmen Sie sie als Geschenk und schneiden Sie sie entlang der gestrichelten Linie aus! Warum rede ich Sie überhaupt in der dritten Person Plural an, Du Arschloch?

Mit Sicherheit hast Du schon lange gemerkt, was der Grund meines emotionsgeladenen Schreibens ist. Nein, mit größter Sicherheit ahnst Du es nicht im Geringsten, weil Du ja immerzu nur an das eine denkst: PIZZA!

Was ja auch nicht weiter verwerflich ist. Aber war Dir nicht klar, wie sehr ich auf den Brief zum 18. Januar, dem Nationalfeiertag dreier kaputten alkoholabhängigen Jugendlichen aus Gelsenkirchen-Bismarck gewartet habe, wie desperat ich ihm seit dem vergangenen 18. Januar harrte? Wie sehr ich darauf hoffte, dass Deine so liebevoll mit überflüssigem Wortgut gespickte Nachricht in meinen unwürdigen Händen endlich ruht, liebkost von meinen wissbegierigen Blicken?
(An dieser Stelle langsam kitschige Streicher einspielen, zwei Zeilen weiter Bläser dazu nehmen, das Ganze in einem Crescendo sich bis zum Briefende hinziehen lassen, dort in einem monströsen Forte Fortissimo enden lassen, in Tränen ausbrechen, den nächstbesten Penner umarmen, auch ihn sowie den Rest der Straßenbahn zu Tränen zu rühren, gemeinsam „We are the world“ singen und gezielt Zitate von Mutter Theresa, Mahatma Ghandi und Jesus Christus einwerfen -Schnitt- In der Antarktis sieht man einen Pelzjäger eine Babyrobbe zärtlich streicheln -Schnitt- Irgendwo in Afrika wachsen einem toten Elefanten wieder Stoßzähne, die zuvor von rücksichtslosen, opportunistischen Wilderern kaltblütig abgesägt worden waren. Dann steht der Elefant auf und zertrampelt Michael Jackson). Wie konntest Du mir nur so etwas antun? Hast Du mich denn gar nicht mehr lieb? Hast Du nur noch Deinen Arsch lieb? Anstatt heute hier vor mich dahinzuvegetieren, indem ich diese Zeilen mit einem kalten, leblosen Computer (Na gut, mittlerweile ist er etwas heißer) verfasse, von denen ich nie gehofft habe, sie eines Tages schreiben zu müssen. Aber Du wolltest es ja nicht anders, Du Hundsfott! Treibst Dich den lieben langen Tag in zwielichtigen Kegelcubs rum, feierst eine Tupperparty nach der andern und scheißt auf all Dein Nationalbewusstsein, denn wie sonst könntest Du diesen ach-so-wichtigen Nationalfeiertag vergessen? Oder hast Du Ihn gar absichtlich vergessen, Du Verräter? Wie kannst Du das nur wiedergutmachen? Ach, was rede ich von Wiedergutmachung? Mein Leben ist verpfuscht, das ist es. Und nur Du, Du, Du allein bist schuld daran. Naja, vielleicht nicht Du ganz allein. Vielleicht auch ein Bisschen meine Mom, weil sie nicht auf den Rest meiner Verwandtschaft gehört hat und mich zur rechten Zeit abgetrieben hat. Ich habe keine Lust mehr. Nachdem ich Dir diesen Brief übergeben habe, werfe ich mich meiner Katze zum Fraß vor.

Mit freundlichen Grüßen

Michael,
gebrochener Mann ohne Zukunft,
außerdem stinksauer

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Veröffentlicht in 18J, Briefe
2 comments on “Brief 1996 – Das kann doch wohl nicht wahr sein
  1. Hehe, scheisse ist das geil. -Was bist´n Du für´n Freak!?

  2. Andreas sagt:

    @scharfundknackig Danke für deinen emotionalen Kommentar. Doch sei gewarnt, das ist erst der Anfang! Seit 1993 wird der 18. Januar gefeiert & fortan haben wir uns jedes Jahr mit neuen Überraschungen beglückt! Bis Samstag versuche ich alle Fakten zusammenzutragen! Also, dran bleiben!

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